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  • iris235

Der grüne Ablasshandel - wo fängt er an, wo hört er auf?


Eine Frage stellt sich mir regelmäßig: wie soll man ohne ein permanent schlechtes Gewissen zu haben in unserer heutigen Gesellschaft leben? Fliegen ist schlecht wegen des hohen CO2-Ausstoßes und des enormen Treibstoffverbrauches, aber ab und zu in den Urlaub (oder beruflich bedingt) zu fliegen gehört in unser westliches Leben und ist zugegebenermaßen ja auch ganz schön. Autofahren ist ebenso schädlich, aber teilweise geradezu Voraussetzung, um an unserem mobilen Lebenswandel teilnehmen zu können. Exotisches Obst und Gemüse zu kaufen fällt auch nicht gerade unter umweltbewusstes Handeln, aber hin und wieder mal etwas anderes als Äpfel und Birnen braucht man einfach... Die Liste, an Dingen, die zu unserem modernen Leben gehören, sich aber nicht mit konsequentem Umweltschutz vereinbaren lassen, ist schier endlos.

Wie findet man für sich also einen guten Kompromiss aus ethisch vertretbarer Lebensweise und sozialer Teilnahme in der Welt? (Wenn man als Einsiedler leben möchte, was meiner Ansicht nach vollkommen legitim ist, hat man das Problem natürlich nicht ;)) Möchte man aber nicht auf jeden Luxus unserer westlichen Welt verzichten bzw. ein gewisses Lebensniveau halten, muss man abwägen, wieviel man an umweltunfreundlichen Taten seinem Gewissen aufladen kann oder will. Nicht einmal mehr im Supermarkt einkaufen gehen zu können vor lauter schlechtem Gewissen - wie es bei mir eine zeitlang der Fall war -, ist dabei sicherlich nicht die Lösung.

Man muss also einen "Tauschhandel" eingehen: ich verhalte mich in vielen Dingen umweltbewusst, dafür kann ich mir erlauben, hinsichtlich anderer Dinge zu "sündigen". Das wird, vereinfacht ausgedrückt, unter "grünem Ablasshandel" verstanden. Selbstverständlich verfehlt dieser Ablasshandel seinen Sinn, wenn das "Sünden-Konto" unverhältnismäßig größer oder auch gleich groß ist wie das "Umwelt-Konto". Es bringt also nicht viel im Bio-Laden einkaufen zu gehen und seine Einkäufe dann in einen hochmotorisierten SUV einzuladen, von dem man daheim noch zwei in der Garage stehen hat. (Das mag überspitzt klingen, kommt der Realität leider aber oft erschreckend nahe.) Auch sollte man nicht unbedingt 3-mal im Jahr irgendwohin fliegen, auch wenn man im Gegenzug kein Auto besitzt und dadurch CO2 "einspart". Das sind alles Rechnungen, die nicht wirklich aufgehen. Vielmehr sollte man den Ablasshandel als eine Art Belohnungssystem betrachten. Ähnlich einer Diät, bei der man sich mit einer kleinen Süßigkeit belohnt, wenn man einen Meilenstein auf dem Weg zum Ziel erreicht hat, kann man sich bspw. alle paar Jahre eine Flugreise gönnen oder einmal im Monat exotische Früchte kaufen.

Meine Devise lautet: kein Extrem ist gut. Es kann nur der Mittelweg zum Ziel führen. Ich versuche daher die guten Seiten der alten Zeit mit den guten Seiten der neuen Zeit zu verbinden. Das bedeutet für mich, ich lebe relativ bescheiden, verzichte größtenteils auf den Konsum-Firlefanz der heutigen Zeit (die allermeisten Dinge sind sowieso überflüssig), achte darauf, dass ich vieles per Hand mache, um nicht allzu viel Strom zu verbrauchen, versuche die meisten Strecken per Fahrrad zurückzulegen etc., gönne mir aber auf der anderen Seite durchaus ab und an einen Luxus der heutigen Zeit, ich habe z.B. ein Auto (das ich aber nur selten benutze), ich fliege alle paar Jahre mal in den Urlaub und dergleichen. Aber alles eben mit Maß und Ziel.

Ich denke, wenn man sein Leben in dieser Art führt, kann man nachts durchaus gut schlafen. Die Natur ist kompromissbereit, also seien wir es doch auch.


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