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  • Autorenbildiris235

Authentisch leben

Das Thema, wie man möglichst authentisch lebt, beschäftigt mich seit Jahren sehr, denn Authentizität gehört für mich zu den höchsten erreichbaren Tugenden. Ich habe diese Thematik auch bewusst als „Wiedereinstieg“ nach langer Schreibpause gewählt, denn zu Authentizität gehört meines Erachtens auch der Aspekt, nur zu reden (schreiben), wenn man auch wirklich etwas zu sagen hat (was im krassen Gegensatz zur zeitgenössischen Geisteshaltung steht, ich weiß).

Bevor ich aber meine Gedanken zu diesem Thema weiter ausführe, ist es zunächst vielleicht hilfreich, zu wissen, was unter Authentizität genau verstanden wird:


Def. Authentizität (laut Dorsch Lexikon der Psychologie): gr. αὐθεντικός (authentikos) echt, unverfälscht.

Authentisch zu sein bedeutet, sich gemäß seinem «wahren Selbst», d. h. seinen Gedanken, Emotionen, Bedürfnissen, Werten, Vorlieben, Überzeugungen etc. entspr. auszudrücken und zu handeln (Harter, 2002). Authentizität setzt Selbstkenntnis [engl. self-awareness] voraus und zeigt sich im unverzerrten Verarbeiten selbstbezogener Informationen. Handlungen entspringen dem eigenen Selbst und werden nicht von äußeren Einflüssen bestimmt. Weiterhin schließt es ein, dieses wahre Selbst in sozialen Beziehungen offen zeigen zu wollen (Kernis & Goldman, 2006; Offenheit). Authentizität schließt nicht aus, dass man sich in versch. sozialen Rollen unterschiedlich verhält (Sheldon et al., 1997). Kontroversen bestehen darüber, ob Authentizität per se ein pos. Konstrukt ist oder ob auch neg. und pathologische Verhaltensweisen authentisch sein können. Außerdem wird diskutiert, ob der vollst. Ausdruck inneren Erlebens überhaupt möglich ist oder an der eigenen Introspektions- und sprachlichen Ausdrucksfähigkeit scheitert (Danner, 2001).

 

Wie man hieran sieht: es ist vielschichtig. Aber gerade weil „authentisch sein“ so nuanciert ist, ist es wichtig, sich darüber Gedanken zu machen, in sich zugehen, zu reflektieren und Bilanz zu ziehen, inwieweit man selbst authentisch ist. Heutzutage mehr denn je. Denn in einer zutiefst oberflächlichen, durch soziale Medien immer abgeflachteren Welt ist es eine Seltenheit (geworden) eine authentische Person zu treffen. Gerechterweise muss man sagen, es wird einem auch schwer gemacht, authentisch zu sein. Man will nicht ausgegrenzt, abgelehnt oder gar angegriffen werden, man will akzeptiert werden. Doch zum „authentisch sein“ gehört es u.U. dazu, anzuecken, unangenehme Tatsachen auszusprechen, die niemand hören will, anders zu sein, nicht mir der Masse zu schwimmen. Davor scheuen die allermeisten zurück, verständlicherweise. Denn es liegt in der menschlichen Natur (ist gar ein Überlebens-Urinstinkt), dazugehören zu wollen. An dieser Stelle kann bzw. muss man sich allerdings fragen: inwieweit verleugne ich meine Ansichten, Einstellungen, Gefühle etc. nur um Teil der Gruppe (Gesellschaft) zu sein? Dass es bis zu einem gewissen Grad unumgänglich ist, Kompromisse einzugehen, will man in einer Gemeinschaft mit anderen leben und agieren, ist logisch (s. o. Def. Sheldon), wobei interessanterweise diejenigen, die sich nicht anpassen und in höchstem Maße authentisch sind, in der Regel von den anderen (zumindest insgeheim) bewundert werden. Man denke nur an all jene Filme, in denen der wahre Held der Außenseiter, der Unangepasste, der Rebell, der „underdog“ ist, der sich nichts sagen lässt, der seine eigene Meinung unbeirrt vertritt, der sich nicht verbiegen lässt. Diesen Typus bewundern die meisten. Doch sobald man im echten Leben derart handelt, wird man i.d.R. als eigenbrötlerischer Spinner abgegrenzt. Ist das nicht absurd? Auf der anderen Seite wird jeder Prominente, der sich (scheinbar) natürlich verhält, für seine Authentizität gefeiert. Seltsam, nicht wahr? Ich glaube, viele verwechseln hierbei Authentizität mit Nahbarkeit bzw. Sympathie. Jemand kann sich allerdings in seinem Sinne authentisch verhalten und auf andere damit völlig unsympathisch wirken, je nachdem inwieweit sich sein Inneres von dem gesellschaftlichen Äußeren unterscheidet. Insofern ist unsere Auffassung von Authentizität stark an vorherrschende Wert- und Moralvorstellungen gekoppelt und durch eine Bewertung anhand dieser wird Authentizität negativ oder positiv wahrgenommen. Per se ist ein authentisches Verhalten also nie „gut oder schlecht“, es ist schlicht der reine Ausdruck des einzelnen Menschen. Erst wir geben ihm eine polare Bewertung. 

Woran erkennt man aber nun, ob jemand authentisch ist oder aber sich künstlich verstellt? Ein guter Ansatzpunkt hierbei kann sein, zu überprüfen, ob ein Mensch die Dinge, die er von sich gibt, auch selbst wirklich lebt oder nur jemandem nachplappert, um mitzumachen, dazuzugehören. Hier kommt mal wieder die altbekannte Doppelmoral ins Spiel. Denn was ist Doppelmoral, wenn nicht das genaue Gegenteil von Authentizität? Wenn jemand bspw. militant gegen CO₂-Ausstoß demonstriert und in extremer Weise über eine entsprechend korrekte Lebensweise moralapostelt, selbst aber nur Fertigprodukte im Supermarkt kauft und nicht weiß, wann welches Gemüse/Obst Saison hat (geschweige denn selbst Gemüse anbaut) oder statt generell weniger elektronische Geräte zu nutzen, vermeintlich effizientere E-Technologie nutzt, dann ist dieser Mensch nicht wirklich authentisch. Denn er agiert nicht im Sinne dessen, was er sagt und wofür er vermeintlich steht. Selbst wenn er davon vollkommen überzeugt ist, es zu sein. Mein Handeln muss ergo mit meinem Gesagten übereinstimmen, um authentisch zu sein. Natürlich ist es schwer 100% umzusetzen, was man sagt oder was man fühlt, jeder hat Schwächen, jeder ist schließlich nur ein Mensch, doch die Frage ist, ob ich auch zu meinen Schwächen stehe oder nicht. Wenn man also zugibt, nicht perfekt zu sein, macht einen das authentischer als jemanden mit überzogen strikten Ansichten, welche in aller Regel nicht vollends eingehalten werden können, und das Gesagte somit unauthentisch erscheinen lassen. Lange Rede, kurzer Sinn: Man sollte sich genauso verhalten wie man redet bzw. umgekehrt.

Ich denke in der heutigen Zeit ist aber vor allem auch der Aspekt relevant, dass Handlungen, werden sie authentisch getätigt, von innen heraus entstehen und keinen äußeren Einflüssen unterliegen. Das ist bei den allerwenigsten der Fall, da in Zeiten der sozialen Medien so viel Input von außen in die Menschen gestopft wird, dass sie kaum eine Chance haben, einmal in sich zu gehen, geschweige denn darüber zu reflektieren, ob das, was sie tun bzw. sagen überhaupt ihrem wahren Selbst entspricht oder nicht. Wir sind mittlerweile gar so „degeneriert“, dass heutzutage die meisten von uns Angst haben, in die Stille zu gehen, da womöglich negative oder unangenehme Aspekte über das eigene Leben an die Oberfläche kommen könnten. Da ist es schon einfacher gar nicht erst hinzuschauen. Aber das ist meiner Ansicht nach nur ein Aufschieben, eine Flucht, die vielleicht für eine gewisse Zeit funktioniert, doch sich auf Dauer als  Sackgasse erweist. Authentizität geht Hand in Hand mit Eigenverantwortung.

Wir alle sollten den Mut aufbringen, zu dem zu stehen, wer wir sind und was wir denken und fühlen. Auch wenn man damit aneckt, auch wenn man damit von einigen oder gar vielen Menschen nicht gemocht wird. Das ist verdammt schwer (ich spreche aus eigener Erfahrung als ein harmoniebedürftiger, „ich möchte von allen gemocht werden“-Mensch), aber darum kommt man nicht herum, wenn man wirklich man selbst und somit frei und authentisch sein will.

 

 


 

 

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